"Das Wiedersehen ist die Magie der Liebe" - Salvador Sobral über seine EP "Sal"
Er ist einer der international bekanntesten Künstler Portugals: Salvador Sobral. Berühmt wurde er durch seine Ballade „Amar Pelos Dois“ – „Lieben für zwei“, mit der er beim Eurovision Song Contest 2017 in Kiew antrat und gewann. Ohne Lightshow, Glitter- und Kostüm-Effekte, nur er und der Song. Was viele nicht wussten, war, dass Salvador, damals 27 Jahre, jeden Tag um sein Leben bangte. Im selben Jahr wurde ihm ein lebensnotwendiges Spenderherz implantiert. „Mittlerweile habe ich mich an das Gesundsein gewöhnt“, strahlt der umjubelte Portugiese, der gerade seine neueste EP "Sal" - "Salz" auf einer Konzerttournee vorgestellt hat. Camilla Hildebrandt hat mit ihm gesprochen.
Es heißt, du hast den Eurovision Song Contest 2017 mit deinem Song, komponiert von deiner Schwester Luisa, revolutioniert. Eine Ballade, authentisch, ohne Show. Später hast du erwähnt, dass du den ESC nie wirklich mochtest.
„Mit den meisten Beiträgen, die zum Song Contest eingereicht werden, kann ich mich nicht identifizieren. Ich hatte ihn ehrlich gesagt auch noch nie vorher im Fernsehen angesehen, auch nicht 2017, denn da nahm ich ja daran teil. Für alles gibt es seinen Platz, aber meine musikalische Ästhetik wird dort normalerweise nicht präsentiert. Und ich denke, dass ich auch deshalb gewonnen habe, weil mein Beitrag anders war. Das ´Andere´ hat also gewonnen. Ob es revolutionär war, weiß ich nicht, denn in dem Jahr darauf hat wieder jemand gewonnen, mit dem selben Stil wie vorher.“
Deine Welt war immer der Jazz, bis du den Musiker Leo Aldrey trafst. Er ist heute eine der wichtigsten Personen in der Musik und in deinem Leben. 2010 habt ihr euch im Taller de Músics in Barcelona kennengelernt, und er hat dich in eine andere musikalische Welt entführt, sagst du.
"Wenn wir Jazz studieren, machen wir eine Phase des Jazz-Snobismus durch, des Mystizismus, das durchlaufen wir alle. Ich habe nur Jazz gehört und fand, dass nur Jazz zu dieser Zeit gut war. Ich bin mit den Beatles aufgewachsen, die größte Band aller Zeiten, ja, aber zu dieser Zeit war ich sehr jazzig. Aber Leo sagte zu mir: Lass uns andere Sachen hören, lass uns Musik machen, die nicht nur Jazz ist, denn Jazz ist die Musik anderer Leute, und du singst nur Cover-Songs. Lass uns unsere eigene Musik komponieren, mit starken Jazz-Wurzeln, aber mit all deinen Einflüssen, Lateinamerika, Fado, Pop, all das."
Du hast dich in die lateinamerikanische Musik verliebt; in deiner Stimme kann man den brasilianischen Superstar Caetano Veloso hören, aber auch Antonio Zambujo aus Portugal. Was bedeutet die lateinamerikanische Musik für dich?
"Die brasilianische Musik ist die beste Musik der Welt, sie hat für mich etwas Erhabenes. Ich glaube, dass es niemals eine schönere Musik geben wird als die Brasilianische und all das, was sie der Welt gegeben hat. Das ist für mich eine Tatsache. Dazu kommt die kubanische Musik, auch die mexikanischen Boleros. Meiner Meinung nach hat der Bolero die gleichen Inhalte wie amerikanischer Jazz, allerdings mit einem großen Unterschied: die Texte. Die Texte der Jazz-Standards sind nicht besonders gut. Ich finde, dass Boleros und Rancheras die gleichen harmonischen und melodischen Informationen haben, aber mit qualitativ hochwertigen Texten, die mit Liebe und aufrichtiger Leidenschaft geschrieben sind. Ich glaube, das ist der Grund, warum ich mich in die lateinamerikanische Musik verliebt habe, wegen der Lebendigkeit, die in dieser Musik steckt.“
Du hast 2018 mit Caetano Veloso zusammen gesungen.
„Ja, das ist wirklich verrückt. Ich weiß nicht, ob es Miles Davis oder Keith Jarrett war, der sagte: Triff niemals deine Vorbilder. Und ich sage, dass die Person, die das gesagt hat, Caetano Veloso offensichtlich nie getroffen hat. Weil Caetano ein unglaublicher Mensch ist. Er ist herzlich, freundlich, großzügig. 2018 hatte jemand die Idee, dass ich beim Eurovison Song Contest, der damals in Lissabon stattfand, mit meinem größten Idol singen sollte. Unglaublich! Sie luden Caetano ein. Danach gingen wir zum Abendessen in das Restaurant meiner Mutter. Und seitdem kommt er immer, wenn er in Lissabon ist, in das Restaurant meiner Mutter. Das letzte Mal haben wir kein Wort über Musik gesprochen, es ging nur um italienisches Kino. Wir sprachen über Fellini, über Antonioni. Caetano ist eine sehr großzügige, einfache und fast zerbrechliche Person, natürlich, er ist schon 80 Jahre. Ich denke, Caetano, Gilberto Gil und alle anderen brasilianischen Stars sind in ihren 80ern, aber immer noch die Größten!"
Du kombinierst heute Bolero, Bossa, Jazz, Pop, Klassik, Fado. Es macht kaum noch Sinn, Musiker zu etikettieren, oder?
„Wir haben erst neulich darüber gesprochen. Hör dir zum Beispiel das aktuelle Album von Rosalía an, "Motomami", das hat den letzten Schrei, es vereint ein bisschen von allen Stilen. Die CD von Jorge Drexler, "Tinta y tiempo"da gibt es eine Art Beatles-Song, dann eine argentinische Zamba. Ich denke, die Globalisierung ist auch in der Musik präsent. Und das ist auch gut so, denn ich habe schon immer Musik aller Art gemacht. Es ist großartig, dass sie heute so vielfältig ist, und es ist sehr schwierig, ein Album von Rosalía, Drexler oder mir mit einem Etikett zu versehen.“
Deine Herz-Transplantation hat sehr früh dein Leben geprägt. So kann eine Kraft entstehen, die einem keine andere Wahl lässt, als authentisch zu sein, oder?
„Ja, alles, was ich erlebt habe, hilft mir, wenn ich Musik mache. Obwohl ich immer sehr intensiv gelebt habe. Aber natürlich bringt die klinische Erfahrung eine andere Perspektive und zeigt einem eine Art von Schmerz, zu dem man zurückkehren kann, wenn man über bestimmte Dinge singen will. Oder auch die Freude, das Krankenhaus zu verlassen. All diese Erfahrungen haben mir geholfen das Einzige zu tun, was ich kann, nämlich zu singen.“
Erzeugt die Gegenwart des Todes eine gewisse Demut?
"Ja, ich habe mich daran gewöhnt, krank zu sein, keine Treppen steigen zu können, jedes Mal müde zu werden, wenn ich ein Stückchen laufe. Aber plötzlich gewöhnt man sich auch wieder daran, gesund zu sein. Am liebsten würde ich immer mit diesem Carpe Diem leben, aber die Wahrheit ist, dass ich mich daran gewöhnt habe, gesund zu sein, und dass ich mich oft über alltägliche und triviale Dinge wie den Verkehr ärgere. In Interviews hatte ich versprochen, dass ich mich nie wieder über den Verkehr ärgern werde. Aber als ich zwei Monate später aus dem Krankenhaus entlassen wurde, schrie ich schon wieder den Autofahrer vor mir im Verkehr an. Aber ja, wenn ich manchmal ins Krankenhaus muss, dann habe ich großen Respekt davor und vor der Gesundheit.
Gerade ist deine neue EP "Sal" - "Salz" herausgekommen, vier neue Stücke, nur du und das Piano. „Ich wollte so die Musik in ihrer rohesten Form umarmen“, hast du über Sal gesagt, und nach dem Album "BPM" "wieder nach Hause kommen".
„Ja, denn das Album "BMP" ist sehr dicht, hat viele Ideen, Stile, sehr viele Instrumente und musikalische Schichten, also eine Menge Produktion. In meinen Konzerten gibt es immer diesen Moment, in dem ich alleine am Klavier sitze, spiele und singe. Die Leute lieben das. Und ich dachte: Ok, ich werde zu Hause spielen, hier in meinem Raum, nur ein paar Worte, ich alleine am Klavier. Das war ein wichtiger Schritt für mich, das auch aufzunehmen. Vor drei Jahren wäre das noch undenkbar gewesen, weil ich nicht gut Klavier spiele. Ich habe eine gewisse Paranoia. Ich verstecke mich quasi hinter meiner Stimme.“
Entstanden sind vier wunderbare Balladen.
"Es gibt ein brasilianisches Cover von Nana Caymmi, man muss dazu auch die Originalversion anhören, sie ist wunderschön. Dann das Lied "Tristeza Dos Dois" – „Traurigkeit der beiden“ von Bernardo Sassetti, dem größten Jazzpianisten Portugals überhaupt, mit einem Text meiner Schwester Luisa. Dann ein Song von Luisa "Estrada Dividida", und einer von mir.“
In "Estrada Dividida“ - "Geteilte Straße" heißt es: "Niemand sagt, dass es einfach ist, eine ewige Liebe zu leben". Ein Song über die Beziehung zu deiner Frau Jenna.
"Sie ist Schauspielerin und arbeitet viel in Frankreich, beim Film und am Theater. Wir sind also fast immer getrennt. Unsere Beziehung ist eine Fernbeziehung, und wir sehen uns nie länger als zwei Wochen. Unser Leben ist mitunter ein geteilter Weg, auf dem das Wiedersehen die Magie der Liebe darstellt. Niemand hat gesagt, dass es einfach ist, in einer ewigen Liebe zu leben, in der die Ferne realer ist als die Nähe. Aber jetzt erwarten wir unser Kind Aïda. Für sie habe ich das Lied "Canção para Aïda" komponiert. Die ganze EP ist ihr gewidmet, damit ich sie in den Schlaf singen kann."