Wo bleibt der Schwung im Jazz?
Ist Jazzmusik noch beliebt? Inwiefern leistet Jazz noch einen kulturellen Beitrag? Immerhin macht Jazzmusik nur 1 Prozent des Umsatzes in der Musikindustrie aus und fällt damit weit hinter Popmusik mit 24 %, gefolgt von Hip Hop/ Rap mit 23 % zurück. Zumindest was die Umsätze von Audio-Streams angeht...
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Blue Note Africa: eine kulturelle Bereicherung im Süden Afrikas
Eigentlich sollte es einen kulturellen Aufschrei der Freude in der internationalen Jazz-Szene geben.
Das legendäre Jazz Label Blue Note gründet einen Ableger in Südafrika. Dabei geht der Labelchef von Blue Note, nämlich Don Was, mit dem Pianisten Nduduzo Makhatini auf Konzerttournee. Es hätte dieses Sublabel schon früher geben können. Zumindest ging der Komponist und Musikwissenschaftler Gunther Schuller in seinem Buch über die Wurzeln des Jazz davon aus, dass Rhythmus, Harmonie, Melodie und Klangfarbe im Jazz wesentlich afrikanischen Ursprungs sind.
In diesem Sinne verleiht das Label Blue Note Africa nun auch anderen afrikanischen Jazzmusiker:innen neue Schubkraft. Wenn man bedenkt, dass afrikanische Jazz-Künstler:innen wie Miriam Makeba, Hugh Masekela oder Abdullah Ibrahim, ihre Karrieren noch in düsteren Zeiten der Apartheid starteten, ist das bereits ein großer Fortschritt.
Außerdem veröffentlichte der Pianist Makhatini sein Album “The Spirit of Ntu” als erstes Album auf dem neuen Label. Das ausschlaggebende Thema hierbei ist die Philosophie der Ubuntu, die sich ebenso in der Musik des Pianisten widerspiegelt. Ubuntu ist ein afrikanisches Lebensgefühl, welches sich vor allen Dingen durch alle Länder südlich der Sahara zieht. Es geht in diesem Fall um ein achtsames Miteinander, die Akzeptanz von Verschiedenheit, Mitgefühl und das Bewusstsein, Teil eines Ganzen zu sein. Sprich: Einer Art Kollektivismus im Vergleich zum westlichen Individualismus.
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So schildert es auch der Autor Andrian Kreye treffend:
“So funktioniert dann auch das Album in einem System kollektiver Improvisation, die aus der Gemeinsamkeit zum Solo findet. Und nicht wie so viele Formen des modernen Jazz aus der Brillanz des Einzelnen zum Gemeinsamen.”
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Es ist wichtig zu wissen, dass Makhatini schon länger als Jazzmusiker aktiv ist. Bereits im Jahr 2020 kam sein bereits neuntes Album “Modes of Communication: Letters from the Underworlds” bei Blue Note raus. Seine Musik ist zudem bekannt für die Spannung, die er in seinen Akkorden erzeugt, sowie dem offensiven Umgang mit Pausen und Backbeats. Heute ist er als Talentscout und Produzent bei Blue Note Africa tätig.ㅤ
Welche Spuren hat Corona in der Jazz-Szene hinterlassen?
Wie Musiker:innen aus anderen Genres war genauso die Jazz-Szene davon betroffen, dass Konzerte abgesagt wurden und Auftritte in Clubs oder Festivals ausfielen.
Dadurch brachen zusätzlich die Folge-Aufträge für Künstler:innen ab. Als Solo-Selbstständige hatten die Jazz-Musiker:innen einen Anspruch auf Notfallhilfe, die jedoch die ausgefallenen Konzerte nicht ersetzen konnten. Eine weitere Problematik war die Deckung von Betriebskosten und die Schwierigkeit, was darunter zu verstehen ist.
Der Betrieb einer Musikerin, eines Musikers ist streng genommen deren Instrument, Körper und Kopf. Glücklicherweise setzte sich die Deutsche Jazzunion in den Corona-Jahren 2020 und 2021 mit vielen weiteren Verbänden für ihre Künstler:innen ein. Dabei stellt die Jazzunion einige Forderungen an Bund und Länder.
Ein Beispiel ist die Forderung an den Gesetzgeber über die Dauer der Pandemie und zusätzlich bis Ende 2022 die Zuverdienstgrenze für nicht- künstlerische Nebenverdienste auszusetzen oder deutlich zu erhöhen. Der Schutz der Kranken- und Pflegeversicherung sollte unabhängig davon gewährleistet sein. Die Mindestgage für Festivals und Spielstätten ist im Jahr 2022 wieder ein Thema.
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Jazz-Szene wieder im Aufschwung?
Mit Blick auf den Jazz Festival Sommer scheint alles wieder beim Alten zu sein.
Alleine das Jazz Baltica Festival Ende Juni lockte rund 17.500 Besucher:innen an. Insgesamt gab es 34 Konzerte, die Mainstage war ausverkauft und sogar Passant:innen konnten sich der Musik nicht entziehen und stießen noch bei. Eine Nummer größer ist das kostenlose Blues- und Jazzfestival in Bamberg. Dort spielen regionale und internationale Künstler:innen insgesamt 50 Konzerte vor schätzungsweise 100.000 Besucher:innen.
Es ist demnach festzuhalten, dass das Interesse an Jazz Musik sehr groß ist. Die Musiker:innen müssten nur Wege finden, Einnahmen zu generieren. Vielleicht wären sie dann gar nicht mehr von staatlichen Geldern abhängig wie aktuell.