"Mit unserer Musik haben wir der Welt mehr Energie gegeben, als mit all dem produzierten Zucker"
… sagte Fernando Ortiz, Historiker, Ethnologe, Jurist und Musikwissenschaftler, über die Musik seiner Heimat Kuba. Regisseur Kurt Hartel ist es gelungen, die Magie der kubanischen Musik in seinem Dokumentarfilm einzufangen. „La Clave – Das Geheimnis der Kubanischen Musik“ startet ab dem 15. September 2022 in den deutschen Kinos. Eine Filmkritik von Camilla Hildebrandt.
„Schon am ersten Tag meines ersten Havanna-Besuchs im Jahr 2006 war ich überwältigt von der enormen musikalischen Vielfalt, die mich dort empfing. Sofort wurde dem Musiker in mir klar: Kuba ist sehr viel mehr als „Buena Vista Social Club“, Salsa und all die anderen gängigen Klischees in Touristenköpfen! 15 Jahre nach meinem ersten Besuch in Havanna, war aus meiner Idee endlich der Film „La Clave – Das Geheimnis der kubanischen Musik“ geworden.“ (Kurt Hartel, Regisseur)
Wer einmal Kuba besucht hat, fühlt sehr schnell, dass Musik dort eine Lebensnotwendigkeit ist. Son, Danzón, Rumba oder musikalische Symbiosen tönen aus Bars und Musikschulen, aus Privathäusern und von Plätzen. Hier ein spontanes Konzert, dort eine Duo- oder Quintett-Darbietung. Still oder auf den Stühlen hält es dann kaum noch jemanden, wenn die Musiker einmal losgelegt haben. Dann bewegt sich der Körper fast automatisch zum mitreißenden Takt. „Alles basiert auf der Clave, sie ist der Schlüssel zur Freude, zur Musik“, sagt der Musiker, Sänger und Musikproduzent Alain Pérez in „La Clave“ und klatscht dabei in die Hände. Drei verzögerte lange Schläge, zwei kurze: Dam, Dam, Dam…DamDam. Die Clave ist die Grundlage der kubanischen Musik, ein Rhythmus, produziert durch das Aufeinanderschlagen zweier Holzstäbe.
"Wenn du die Clave nicht hast, bekommst du keinen Zugang zur Musik. Du wirst von der Musik komplett abgewiesen, wie ein falscher Code am Safe. Alle Kompositionen, Lieder, Improvisationen basieren auf der Clave. Die Musik entsteht und erlischt auf Basis der Clave. So sehe ich das, und ich glaube fest, dass ich damit nicht falsch liege." (Alain Pérez, Musiker)

Alain Pérez, © W-film/ LAUTRAZfilm
Pérez ist einer der Protagonisten, die in Hartels Dokumentarfilm zu Wort kommen, neben Schlagzeugerin Yissy García, Jazz-Legende Bobby Carcassés oder Marina Ruíz Garmendía, Gründerin des sozialen Kinderprojektes „Niños en la frontera“. Pérez wurde als Kind zunächst von seinem Vater musikalisch unterrichtet, später studierte er an den „Escuelas Nacionales de Arte“. Sein Werk wurde für den Grammy nominiert. Der Dokumentarfilm zeigt ihn tanzend und singend auf der Bühne, beim Proben über den Dächern Havannas. "Unsere Musik ist ehemals mündlich überliefert worden", erklärt der Musikologe Dr. Olavo Alén, der unter anderem an der Humboldt Universität in Berlin studierte und für seine Abschlussarbeit als erster Lateinamerikaner mit dem Humboldt-Preis ausgezeichnet wurde.
„Das heißt, dass sie im Gegensatz zur europäischen Musik nicht auf einer Partitur oder geschriebenen Noten beruht, die in einzelne Takte unterteilt sind. Es musste auch in der mündlich überlieferten Musik eine Ordnung geben. Die Ordnung, die hergestellt wurde, war eine rhythmische Ordnung. Diese wurde durch die ständige Wiederholung des typisch kubanischen Rhythmus der Clave erreicht.“ (Dr. Olavo Alén, Musikologe)
Neben Konzert-Ausschnitten, Interviews mit Musikern und Musikschülern zeigt der Film auch die morbide, architektonische Schönheit Havannas, die rosafarbenen, hellblauen oder weißen Chevrolets, Cadillacs und Buick, die durch die Straßen kurven, Oldtimer-Taxis, die heute Wahrzeichen Kubas sind und an ferne, glanzvolle Zeiten erinnern. Bauern fahren mit Eselskarren über die Autohauptstraßen, man sieht Szenen am Malecón, der legendären Uferpromenade, wo sich jeden Abend Einheimische und Touristen einfinden, um eine „cervecita“, ein Bierchen, zu trinken, einer Band zu lauschen oder zu flanieren. Die Interviews und Aufnahmen geben nicht nur einen sehr detaillierten und liebevollen Einblick in die Musik, sondern auch in die Kulturgeschichte des Landes. Zur Zeit der Kolonialisierung im 16. und 17. Jahrhundert wurden rund 60.000 Schwarze, vorwiegend aus Westafrika, als Sklaven nach Kuba verschifft. Aus der Kultur der Westafrikaner ist in Verbindung mit europäischen Traditionen eine neue Kultur entstanden. Wie die Religion Santería, in der jeder schwarzen Gottheit, wie der Meeresgöttin Yemanyá, eine eigene Farbe und ein Trommel-Rhythmus zugeordnet wird, um mit ihr in Verbindung zu treten.
Rhythmusgefühl und musikalisches Verständnis bekommen die Kubaner und Kubanerinnen in die Wiege gelegt, mag es dem einen oder anderen Kuba-Besucher über die Lippen kommen. Schon die Bewegungen der Kinder zum Rhythmus des Son, der Rumba oder den religiösen Trommelschlägen der Santería sind atemberaubend selbstverständlich.
„Es ist so einfach und so schwierig, über Musik zu sprechen, alleine, weil die Musik über das Einfache spricht. Es ist wie Konga-Trommeln, die die Lungen des Rhythmus der kubanischen Musik sind. Die Kinder aus Afrika kamen hierher, um Exil und Sklaverei zu erleiden, aber sie machten gleichzeitig in einer Art spirituellen Befreiung Musik, sodass diese Freude über die Jahrhunderte hindurch bestehen blieb und vor allem - für mich das Wichtigste auf der Welt - der sprechende Rhythmus." (Alain Pérez, Musiker)
Regisseur Kurt Hartel zeigt in seiner Dokumentation jedoch sehr deutlich, dass die schulische Musikerziehung hier eine bedeutende Rolle spielt. In kaum einem anderen Land ist sie so wichtig, wie auf Kuba. „Die Art der Musikerziehung hat in Kuba eigene Regeln“, sagt Bobby Carcassés, Ikone des afrokubanischen Jazz, 2012 mit dem kubanischen Nationalpreis ausgezeichnet. Die Musikausbildung ist auf Kuba kostenlos.

Musikschülerin, © W-film/ LAUTRAZfilm
„Vor 1959 gab es in Kuba künstlerische Bildung, Konservatorien und Musikschulen. Aber erst nach dem Triumph der Revolution hatten diese Institutionen wirklich staatliche Unterstützung. Die Bedeutung von Kunst und Kultur wurde innerhalb der Revolution erkannt. Alle bestehenden Schulen wurden unterstützt. Sie erhielten wichtige Bücher und die besten Professoren und Musiker, die es gab, sollten den Schülern Wissen vermitteln.“ (Bobby Carcassés, Ikone des afrokubanischen Jazz)
Das Land gebe auf dem Gebiet Musikerziehung vorbildhafte Impulse, steht im Presseheft zum Dokumentarfilm „La Clave – Das Geheimnis der Kubanischen Musik“ von Kurt Hartel. Kuba habe mehr Musikschulen pro Einwohner als jedes andere Land auf der Welt.
Eine beindruckende Dokumentation ist Hartel gelungen, die die Zuschauer fasziniert auf die Insel Kuba entführt, die Clave lebendig werden lässt. Und sie hält uns den Spiegel vor, welche Bedeutung musikalische Erziehung haben kann.
"Mit unserer Musik haben wir Kubaner der Welt mehr Energie gegeben, als mit all dem produzierten Zucker. Wir haben der Welt mehr Vergnügen bereitet und Träume geschenkt, als mit unserem gesamten Tabakrauch." (Fernando Ortíz, 1881 – 1969, Jurist, Historiker und Musikwissenschaftler)

Deutschlandpremiere, 07.09.2022, Rio Filmpalast München, Dr. Olavo Alén, Kurt Hartel, Stephan Winkler (W-film)
Kinotour:
Nürnberg: 15.9., Cinecitta, 19:30 Uhr | In Anwesenheit von Regisseur Kurt Hartel und Dr. Olavo Alén
Berlin: 16.9., Union Filmtheater, 20:15 Uhr | In Anwesenheit von Regisseur Kurt Hartel
Aachen: 17.9., Apollo Kino & Bar, 20:00 Uhr | In Anwesenheit von Regisseur Kurt Hartel
Düsseldorf: 18.9., Metropol, 14:00 Uhr | In Anwesenheit von Regisseur Kurt Hartel
Tübingen, 19.9., Arsenal, 18:00 Uhr | In Anwesenheit von Regisseur Kurt Hartel
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