Musikalische Metamorphose von den bolivianischen Anden ins Herz des Hörers

Das neue Konzeptalbum „Gwandena“ der bolivianischen Band Timpana ist draußen. Kritikerin Anika Reuner meint: feinster Folktronic und Elektrofolk, unterlegt mit tropischen Bässen, afrikanischen, andinen und spanischen Einflüssen, die fernab vom Stereotyp der Andenpanflöte einen faszinierenden Sound kreieren. Ein Album über Ahnen, Selbstfindung und die Bedeutung des kulturellen Backgrounds.

Musikalische Metamorphose von den bolivianischen Anden ins Herz des Hörers
@Timpana

„Gwandena“ lautet der Titeltrack von Timpanas seit 30. September 2022 auf allen gängigen Musikplattformen erhältlichem gleichnamigen Konzeptalbum. „Heute ist ein Tag zum Feiern! Wir haben unser Album veröffentlicht!“, freute sich Timpana auf Facebook. Timpana bezeichnet keinen maltesischen Makkaroni-Auflauf, wie Google auf den ersten Blick vermuten lassen könnte, sondern ein Künstlerkollektiv um die bolivianische Sängerin, Performerin und Schauspielerin Alejandra Lanza. Virtuos kombiniert die Künstlerin in ihrer Musik afrikanische, andine, spanische und amazonische Einflüsse und Eindrücke. „Ich liebe und bewundere die afrikanische Kultur und höre viel ethnische Musik und Afro-Dancemusic.“

Ahnenarbeit und Heilung von Krankheiten

Das Album erzählt die Gesichte von Talina, einem jungen Mädchen, das sich in Begleitung eines Kolibri namens Jovi auf eine Reise der spirituellen Selbsterkenntnis und Selbstfindung („autoconocimiento“) begibt. Die Welt, die sie dabei betritt und entdeckt, ist eine, in der der Natur eine genauso große Bedeutung zukommt wie dem Menschen, der das Glück hat, in ihr zu leben. Und in dieser Welt ist nichts so, wie es sich ihren Bewohnern auf den ersten Blick darstellt. Talinas Metamorphose gipfelt in einer lebensverändernden Begegnung mit ihrer indigenen Urgroßmutter Gwandena — die sich auf rein geistiger Ebene vollzieht. Denn es ist Kolibri Jovi, der spirituelle Wegbegleiter, der der jungen Frau auf Selbstfindungsreise „die Botschaft der Großmütter“ überbringt: „Weck’ Talina auf; die Zeit ist gekommen, die Reise zu ihrem tiefsten Sein, den Weg zu ihren ihr innewohnenden Kräften, anzutreten!“ Durch das imaginäre Aufeinandertreffen der Generationen gelangt die junge Sinnsuchende zu der Erkenntnis, dass sie und ihre Vorfahren eins sind. Denn die Ahnenarbeit spielt auch bei der Heilung von Krankheiten eine entscheidende Rolle. Denen, die es sachlich-nüchterner betrachten möchten, sagt vielleicht der Begriff Epigenetik etwas.

„Jovi, ein grün-blauer Kolibri, ist der Bote, der Talina weckt und ihr verkündet, dass ihre Großmütter, also ihre Vorfahren, sie rufen, um die Reise zum Pfad der Selbsterkenntnis anzutreten. Sie wird auf dieser Reise erwachsen werden, viel lernen, sich ihren Ängsten und dem Thema Tod stellen müssen, um zu reifen und zu verstehen, warum sie auf diese Welt gekommen ist. Sie wird auch verstehen, wozu ihr die Kräfte verliehen wurden und wie sie sie anwendet“, beschreibt Frontfrau Alejandra Lanza die Bedeutung des Kolibri und der indigenen Großmütter, deren multidimensionale Message er verkündet.

Sinnesreise zur eigenen Seelenessenz

Der Track „Gwandena“ bildet ein Highlight des Albums, das vor Rhythmen aus dem bolivianischen Schmelztiegel regelrecht pulsiert. Mit Instrumenten wie Charango, Toyo (Andenflöte), Jembe, afro-bolivianischer Percussion und Texten vor allem auf Spanisch und Quechua souffliert es dem Hörer direkt und indirekt viele Aspekte über die bolivianische Kultur, und das Ganze fernab vom sonst häufig vermittelten Stereotyp der Andenpanflöte. Timpana liefert feinsten Folktronic bzw. Elektrofolk, unterlegt mit tropischen Bässen, die dieser Richtung einen ganz eigenen Anstrich verleihen und der Elektronik jede Menge Seele einhauchen.

"Gwandena ist ein fröhliches Lied, das von der afrikanischen bolivianischen "Saya-Musik" inspiriert ist, die in den Kaffeestädten der Yungas-Region gefeiert wird. Frauen, Männer und Kinder tragen weiße Kleider und Gewänder, tanzen auf den Kopfsteinpflasterstraßen und singen in Chören. Sie singen von ihrem Leben auf den Kaffee- und Koka-Feldern. Sie singen über ihre Geschichte: Tausende von Afrikanerinnen und Afrikanern wurden in der Kolonialzeit von den Spaniern nach Südamerika gebracht, um als Sklaven zu arbeiten. Obwohl die meisten von ihnen die harte Arbeit im Bergbau und das Arbeiten in den Anden nicht überlebten, ist ihr musikalisches Erbe in Bolivien von großer Bedeutung. Dies ist unsere Art, der panafrikanischen Diaspora und dem Geschenk, das sie der globalen Musik gemacht hat, Tribut zu zollen. Gwandena ist auch für euch Ladies!" - Alejandra Lanza

Das Album beschreibt gleichermaßen eine metaphysische Reise durch Bolivien, Alejandras Heimatland, und durch verschiedene menschlich-allzu-menschliche und übersinnliche Seinszustände. Dabei trifft indigene auf afrikanische Instrumentierung und amalgamiert mit elektronischen Drums und Synthesizer zu einem farbenfrohen und facettenreichen Gesamtkunstwerk, welches zwischen treibenden Beats und Momenten der Transzendenz oszilliert. „Eine lateinamerikanische Folktronic-Odyssee, die bolivianische Musik und Kultur zu einem Fahrplan für metaphysisches Wachstum und innere Gelassenheit erhebt“, schreibt „Bandcamp“. Auf der Social Media-Plattform Instagram freut sich Timpana: „Wir sind auf dem Cover von Bandcamp. Für Independent-Musiker wie uns kommt das fast einem Erscheinen auf dem Cover der Vogue Mexico gleich!“


@Timpana

Von der Nostalgie der Anfänge bis zum gloriosen Finale

Begonnen hat Timpana einst als Duo. Als Solo-Künstlerin ist Alejandra Lanza jetzt seit zehn Jahren unterwegs. Auf „Gwandena“ tritt Lanza als Künstlerkollektiv mit dem bolivianischen Produzenten Simón Peña alias Chuntu und Meistern der afro-andischen Blas- und Percussion-Instrumente in Erscheinung. Auf diese Weise ist ein sehr komplexes Werk entstanden, gleichermaßen, was den musikalischen und den dramaturgischen Aufbau betrifft, die Erzählung, die sich wie ein Bogen von Titel zu Titel spannt. Rhythmen und Akkordfolgen, die den Anden, dem Amazonasgebiet und afro-panamerikanischen Traditionen entlehnt sind, gehen eine außergewöhnliche Symbiose ein, die Ohren und Seele gänzlich neue Impressionen zu vermitteln vermag.

Im auf Quechua gesungenen Titel „Zayanqu“ erfährt die junge Talina, wie viel seelische Kraft ihr innewohnt, mehr, als sie sich in ihren kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Auf der Social Media-Plattform Instagram wird das ermächtigende Element des Titels „Zayanqu“, das auch Talina an sich erfährt, untermalt durch Videosequenzen bolivianischer Frauen, die auf Skate-Decks gekonnt und unerschrocken die Halfpipes erobern. Während die Skateboard fahrenden Frauen auf Instagram ihre waghalsigen Kunststücke gut überstehen, stirbt Kolibri Jovi auf dem Album im Verlauf von „Zayancu", nachdem er seine Fähigkeiten auf seine Begleiterin übertragen hat.
Im folgenden Track, „Estrella Brillosa“-„leuchtender Stern“, reist die junge Frau nicht nur in ihr Innerstes, sondern auch zum Zentrum der Erde. Dort sucht und findet sie die Konfrontation mit ihren Schattenseiten und Ängsten, und trifft auf andere Geistführer, nachdem sie durch Gesang in Guaraní mit neuer Kraft erfüllt worden ist. Die spirituelle Solokünstlerin begründet die Entscheidung für die Sprache Guaraní mit der Tradition: Ihre Vorfahren haben Mythen und Legenden stets in indigenen Sprachen übermittelt. Das geht darauf zurück, dass man diesen einen besonders mystisch-magischen Charakter nachsagt. So empfindet auch Lanza die Wirkung der Sounds als faszinierend, wenn sie diese in Gesangform wiedergibt: „Die Klänge entstehen aus dem starken Wunsch heraus, dass sie erhalten bleiben und niemals verloren gehen. Wenn ich sie singe, werde ich in eine andere Zeit befördert, zu der Nostalgie, die allem Anfang innewohnt.“


@Timpana

Vom magischen Anfang bis zum laut „Sounds and Colours“ „gloriosen Finaltitel“ sei „Gwandena“ „mit das beste, das wir seit langer Zeit aus Bolivien und Lateinamerika gehört haben!“ Und ein Testament an Alejandra Lanzas Vision für den Erhalt der Umwelt und jeden einzelnen, „sich andere sensorische Dimensionen zu eröffnen, in denen wir unsere eigene Geschichte wiederfinden und sie nach Belieben in einem anderen Raum und einer anderen Zeit neu definieren zu können.“

Hier geht es zur Webseite der bolivianischen Gruppe Timpana
Instagram der Band Timpana
Alejandra Lanza bei Twitter
Hier ein Wildlife Sanctuary, das von Timpana unterstützt wird
Autorin des Artikels: Anika Reuner