Zwischen Bühne und Lehrsaal: Die Visionen eines Fagott-Meisters
Zwischen Bühne und Lehrsaal: Die Visionen eines Fagott-Meisters - Professor Achille Dallabona
In der Welt der klassischen Musik gibt es einige Instrumente, die besonders hervorstechen - nicht nur durch ihren Klang, sondern auch durch die außergewöhnlichen Musiker, die sie meistern. Das Fagott, mit seinem warmen, vollen und manchmal geheimnisvollen Klang, gehört zweifellos dazu. Professor Achille Dallabona einer der angesehensten Fagottisten seiner Generation, hat sich der Kunst und der Lehre dieses faszinierenden Instruments gewidmet.
In diesem exklusiven Interview spricht er über sein Leben, seine pädagogische Philosophie und seine Vision für die Zukunft der Musik.
Herr Professor Dallabona,
Wann und wie haben Sie Ihre Leidenschaft für das Fagott entdeckt? Gab es einen besonderen Moment oder eine Person, die Ihre Entscheidung beeinflusst hat?
Als ich etwa 14 oder 15 Jahre alt war, erzählte mir ein Klassenkamerad, dass er bereits an der Musikuniversität in Trient eingeschrieben sei und neben der Schule Klarinette studiere. Seine Geschichte hat mich unglaublich neugierig gemacht, und so entschied ich mich, ebenfalls einen Vorbereitungslehrgang für Klarinette zu beginnen. Doch während dieser Zeit stieß ich zufällig auf das Fagott – und es war wie Liebe auf den ersten Blick. Die Klarinette war eindeutig nicht mein Instrument, aber das Fagott hatte etwas Magisches an sich.
Zur gleichen Zeit hörte ich, dass an der Musikuniversität gerade eine neue Fagottklasse ins Leben gerufen wurde. Das klang wie eine Chance, und ich entschied mich spontan, zur Aufnahmeprüfung anzutreten – obwohl ich kaum Vorkenntnisse hatte. Rückblickend war das ein mutiger Schritt, aber ich wurde tatsächlich angenommen! Das war natürlich ein großartiger Erfolg.
Doch in meiner jugendlichen Naivität hatte ich mein Ziel bereits erreicht und beschloss, mich wieder meinem naturwissenschaftlichen Schwerpunkt im Gymnasium zu widmen. Mein späterer Fagott-Professor, Steno Boesso, sah das jedoch anders. Er rief in den darauffolgenden Wochen jeden Tag bei meinem Vater an und versuchte, ihn zu überzeugen, mich in seine Klasse zu holen. Schließlich bat mein entnervter Vater mich, mich noch einmal mit ihm zu treffen.
Dieses Treffen war ein Wendepunkt: Prof. Boesso hatte eine unglaubliche Ausstrahlung und eine Leidenschaft für das Fagott, die mich sofort in den Bann zog. Noch am selben Tag hörte ich mir eine seiner CDs an. Der Klang, den ich dort erlebte, war wie eine Offenbarung. Bis zu diesem Moment hatte ich nie etwas Vergleichbares gehört. Es war diese CD, die in mir ein Feuer entzündete und mich dazu brachte, das Ziel zu verfolgen, selbst solche Klänge aus einem Instrument zu zaubern. Grazie, Steno!
Was macht das Fagott für Sie besonders im Vergleich zu anderen Instrumenten?
„Für mich sind alle Orchesterinstrumente wie außergewöhnliche Sportwagen: kraftvolle, faszinierende Maschinen, jede mit ihrem eigenen Charakter. Doch das Fagott hat für mich etwas ganz Besonderes. Es erinnert mich an einen luxuriösen Gran Turismo – ein Sportwagen, der nicht nur mit außergewöhnlicher Leistung beeindruckt, sondern auch Eleganz, Komfort und eine klangliche Tiefe bietet, die jede musikalische Reise unvergesslich macht.
Im Italienischen gibt es dafür einen treffenden Ausdruck: 'Un livello superiore di goduria musicale', was so viel bedeutet wie ‚ein höheres Niveau musikalischen Genusses‘. Genau das empfinde ich, wenn ich das Fagott spiele. Es geht nicht nur um Technik oder Virtuosität – es ist ein reines Vergnügen.
Sie haben mit renommierten Dirigenten wie Zubin Mehta und Valery Gergiev gearbeitet. Gibt es eine besondere Erfahrung oder eine Erinnerung, die Sie mit diesen großen Persönlichkeiten verbinden?
„Zubin Mehta und Valery Gergiev miteinander zu vergleichen, ist fast unmöglich – abgesehen von dem unglaublichen Privileg, mehrfach mit beiden zusammengearbeitet zu haben. Sie repräsentieren zwei völlig unterschiedliche Welten: Gergiev ist reines Feuer, eine Verkörperung von Leidenschaft und Energie in ihrer höchsten Intensität. Mehta hingegen strahlt eine außergewöhnliche Eleganz aus, fast elfenhaft – wie man sie sich aus Tolkiens Welt vorstellen könnte.
Die schönste Erinnerung, die ich mit beiden verbinde, ist ihre Fähigkeit, ohne viele Worte zu kommunizieren. Jede Geste, jede Bewegung, jeder Blick übermittelt alles, was man als Musiker wissen muss. Es war Musik in ihrer reinsten und unmittelbarsten Form.
Jede Orchesterproduktion unter ihrer Leitung war eine einzigartige Erfahrung – ein unvergessliches Erlebnis, für das ich unendlich dankbar bin.

Sie haben sowohl solistisch als auch im Orchester gespielt. Was fasziniert Sie an diesen beiden Aspekten Ihrer Karriere?
Um ehrlich zu sein, liegt meine persönliche Vorliebe im Orchesterspiel. Die Klangfarben, die durch das Zusammenspiel entstehen, und die wunderschönen Soli, die das umfangreiche Repertoire für das Fagott bietet, machen das Orchester für mich zu einem zentralen Pfeiler der Musik.
Trotzdem hat auch das solistische Spiel eine große Bedeutung für mich. Es stellt uns vor technische Herausforderungen und gibt uns die Möglichkeit, unsere Ausdruckskraft und Kommunikationsfähigkeiten auf eine neue Ebene zu bringen. Was ich daran besonders schätze, ist die Freiheit, mehr von mir selbst zu erzählen. Als Solist trete ich in einen intensiveren Dialog mit dem Publikum und kann meine Persönlichkeit noch direkter durch die Musik zum Ausdruck bringen.
Ihr originales Heckel-Fagott der 13000er-Serie hat eine besondere Geschichte. Warum haben Sie sich gerade für dieses Instrument entschieden?
Da kann ich nur zustimmen: Dieses Instrument ist etwas ganz Besonderes und markiert einen Meilenstein in der Geschichte des Fagotts. Ich sage oft, dass man es regelrecht ‚bändigen‘ muss.
Das Fagott ist für mich ohnehin ein ‚Gran Turismo‘ unter den Instrumenten – das perfekte Gleichgewicht von Kraft, Eleganz und Vielseitigkeit. Doch die 13000er-Serie von Heckel, insbesondere das Modell aus meinem Baujahr, hebt dieses Konzept auf ein völlig neues Niveau. Es ist ein Meisterwerk, das ich gerne mit einer Ikone wie dem Ferrari Testarossa vergleiche.
Wie die Testarossa besitzt mein Fagott eine explosive Kraft, die beim Spielen pures Adrenalin und ein Gefühl von grenzenloser Freiheit auslöst. Gleichzeitig verkörpert es Eleganz und Luxus in ihrer reinsten Form. Doch um die atemberaubende Leistung dieses Instruments voll auszuschöpfen, braucht es eine gewisse Raffinesse – und genau das macht es so anspruchsvoll.
Wenn ich zurückblicke, wird deutlich, dass Herausforderungen schon immer Teil meines Weges waren. Vielleicht war es genau diese Eigenschaft, die mich von Anfang an zu diesem außergewöhnlichen Instrument hingezogen hat.
Seit Anfang des Jahres unterrichten Sie an der Vienna Premier Music Academy (VPMA), einer Akademie für hochbegabte Musikerinnen und Musiker. Was macht diese Institution für Sie besonders, und wie passen Sie Ihren Unterricht an die Bedürfnisse hochbegabter Studierender an?
Als mir die Möglichkeit angeboten wurde, an der Vienna Premier Music Academy zu unterrichten, wusste ich sofort, dass ich Teil dieser außergewöhnlichen Institution sein wollte. Mein pädagogischer Ansatz und meine Leidenschaft für Wissenschaft passen perfekt zu diesem Umfeld – einem Ort, an dem Innovation, Initiative und akademische Exzellenz an erster Stelle stehen. Die moderne Lehrphilosophie der VPMA hat mich von Anfang an begeistert.
In meinem Unterricht strebe ich eine Balance zwischen Tradition und zeitgemäßer Pädagogik an. Es geht nicht nur darum, den Studierenden eine solide technische Basis zu vermitteln, sondern sie auch zu inspirieren, eine eigene Klangästhetik zu entwickeln. Mein Ziel ist es, kritisches Denken, Kreativität und ein tiefes musikalisches Bewusstsein bei den Studierenden zu fördern. Dabei verstehe ich mich als Mentor, der die individuellen Bedürfnisse jedes Einzelnen erkennt und unterstützt.
Ein häufiges Problem, gerade bei hochbegabten Studierenden, ist mangelndes Selbstvertrauen oder die Tendenz, den Lehrenden zu imitieren. Hier setze ich auf innovative Methoden, die den Fokus auf Körpersprache und körperliche Reaktionen während des Spiels legen. Ich bin überzeugt, dass es entscheidend ist, auch mit der psychologischen Dimension der Studierenden zu arbeiten. Ein ruhiger Geist ist essenziell, um technische Herausforderungen zu meistern und Lösungen zu finden. Frustration oder das Einüben von Fehlern dürfen keinen Platz im Lernprozess haben.
Besonders wichtig ist mir, dass der Unterricht stets auf das außergewöhnliche Niveau dieser Studierenden zugeschnitten ist. Das Fagott-Repertoire, das ich vermittle, dient als Grundlage – mein wesentlicher Beitrag liegt jedoch darin, die Studierenden auf die Zukunft vorzubereiten. Um ihr volles Potenzial zu entfalten, müssen sie bereit sein, Herausforderungen anzunehmen und Neues auszuprobieren.
Ich ermutige sie, in ihrer Interpretation mutig und kreativ zu sein, selbst wenn sie dafür manchmal Kritik ernten. Natürlich müssen sie das Repertoire technisch und stilistisch korrekt spielen können, aber ich halte es für ebenso wichtig, Spielraum für Experimente zu lassen. Dieser Freiraum ist essenziell, damit sie sich als Künstlerinnen und Künstler entfalten und ihre einzigartige Stimme finden können.
Sie haben mit Ihrer Rohrbaumethode „Lucky Number 7“ etwas Innovatives geschaffen. Was hat Sie dazu inspiriert, diese Methode zu entwickeln, und was zeichnet sie aus?
Für mich, sowohl als Fagottist, Dozent als auch Wissenschaftsbegeisterter, war es schlicht nicht akzeptabel, dass Fagottrohre immer wieder als zentrales Problem in unserem Beruf wahrgenommen wurden. Rohre sind, wie jedes andere Werkzeug, ein Produkt von Konstruktion und Intelligenz. Alles, was gebaut wird – sei es ein Instrument, eine Gabel oder ein Auto – dient einem Zweck: Musik zu machen, zu essen, zu reisen. Bei Fagottrohren hingegen herrschte lange eine Art kollektive Resignation. Da jeder sie auf seine eigene Weise herstellt und sie dennoch selten perfekt funktionieren, hat man sich damit abgefunden, dass es kaum Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Für mich war das jedoch keine Option.
Ich begann daher, mich intensiv mit den physikalischen und strukturellen Eigenschaften der Rohre auseinanderzusetzen, um herauszufinden, wie man ihre Leistung optimieren und die Fehlerquote minimieren kann. Aus dieser Forschung entstand schließlich ‚Lucky Number 7‘ – ein praktischer Leitfaden mit klar definierten Punkten, Maßen und spezifischen technischen Vorgaben.
Durch die Kombination dieser präzisen Elemente ist es mir gelungen, ein Rohr zu entwickeln, das meinen hohen Ansprüchen gerecht wird. Es ist nicht nur extrem leistungsfähig, sondern auch konstant und bietet mir in jeder Situation eine zuverlässige Kontrolle und Präzision. Diese Methode erlaubt es mir, das volle Potenzial des Fagotts auszuschöpfen und gleichzeitig einen praktischen Ansatz für andere Musiker bereitzustellen.
Was sind Ihre langfristigen Ziele als Musiker und Pädagoge?
Ich bin fest davon überzeugt, dass Musik – und besonders das Fagott – eine universelle Sprache ist, die weit über die reine Technik hinausgeht. Für mich ist sie ein Werkzeug, um Emotionen auszudrücken, Geschichten zu erzählen und Menschen miteinander zu verbinden.
Deshalb ist es mir als Pädagoge wichtig, nicht nur technisch versierte Musiker auszubilden, sondern musikalische Persönlichkeiten. Mein Ziel ist es, Studierende zu fördern, die Musik als eine tiefgehende Ausdrucksform verstehen und nutzen – eine Kunstform, die unsere Gesellschaft bereichern und beeinflussen kann.
Musikalisches Wachstum sollte nicht auf das Erlernen praktischer Fähigkeiten beschränkt bleiben. Vielmehr sehe ich es als eine Reise, die sowohl den Verstand als auch das Herz berührt. Ich möchte meine Studierenden ermutigen, ihre eigene Perspektive zu erweitern und ein tieferes Bewusstsein für ihre Rolle in der Musikwelt zu entwickeln. Auf diese Weise können sie nicht nur als Musiker, sondern auch als Persönlichkeiten einen bleibenden Eindruck hinterlassen.“
Welche Herausforderungen sehen Sie für die Zukunft des Fagotts und der klassischen Musik allgemein?
Es führt kein Weg daran vorbei: Die größte Herausforderung unserer Zeit ist es, nicht in Vergessenheit zu geraten. Viele betrachten technologische Fortschritte und künstliche Intelligenz als die größten Bedrohungen, doch ich glaube, die wahre Gefahr liegt woanders – nämlich im Verlust der zentralen Rolle des Menschen, des menschlichen Wesens.
Wir leben in einer Ära, in der der Enthusiasmus für Innovationen so laut ist, dass er den Menschen oft übertönt. Gleichzeitig sehe ich in der Musiklandschaft eine gewisse Sturheit unserer Generation, die sich allzu oft mit ihrem Schicksal abfindet. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, über die vermeintliche Ignoranz oder den mangelnden kulturellen Bezug der heutigen Gesellschaft zu klagen. Vielmehr müssen wir uns ständig neu erfinden und der Gesellschaft echte Gründe liefern, an den inneren Wert der Musik zu glauben.
Musik ist nicht nur eine Tradition, die bewahrt werden muss, sondern eine lebendige Sprache, die sich mit uns weiterentwickeln sollte – so wie jede andere Sprache auch. Die wahre Herausforderung besteht darin, niemals die Fähigkeit zu verlieren, das Wesen des Menschlichen zu berühren. Denn genau darin liegt die einzigartige Kraft der Musik: in ihrer Fähigkeit, Emotionen zu wecken, Geschichten zu erzählen und Menschen miteinander zu verbinden.
Welchen Rat würden Sie jungen Fagottistinnen und Fagottisten geben, die ihre eigene musikalische Reise beginnen?
Mein Rat an junge Fagottistinnen und Fagottisten, die eine Karriere in diesem Bereich anstreben, ist, sich nicht von äußeren Erscheinungen täuschen zu lassen. In der heutigen Welt ist es verlockend, sich von den scheinbar schnellen Erfolgen anderer in den sozialen Medien ablenken zu lassen. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass hinter jedem Erfolg viel harte Arbeit und Hingabe stecken.
Fokussiert zu bleiben und sich nicht von Stress oder Frustration überwältigen zu lassen, ist entscheidend. Das Erlernen eines Instruments wie dem Fagott erfordert Opfer, Zeit und Geduld – aber auch der Spaß darf nicht zu kurz kommen. Mit der richtigen Disziplin, Leidenschaft und einem klaren Fokus auf das Wesentliche werden Fortschritte kommen. Man sollte nie den eigenen inneren Antrieb verlieren und immer an sich selbst glauben. Der Weg mag lang sein, aber er ist es wert, wenn man mit Hingabe und Freude an das Musizieren herangeht.“
Wenn Sie nicht Musiker geworden wären, welchen anderen Weg hätten Sie sich vorstellen können?
Wie ich bereits in meiner Geschichte erzählt habe, hatte ich ursprünglich einen ganz klaren Plan für meine Zukunft. Mein großer Traum war es, an der Harvard University zu studieren, mit einem Schwerpunkt auf Rechtswissenschaften und Wirtschaft. Ich komme aus einem akademischen Umfeld, und da in meiner Familie niemand Musiker ist, trat die Musik erst sehr spät in mein Leben. Obwohl meine Eltern große Musikliebhaber sind, war meine Berufswahl für sie ein eher ungewöhnlicher Weg.
Als Schüler besuchte ich das Liceo Scientifico Galileo Galilei in Trient, eine sehr renommierte Schule, deren Geschichte für sich spricht. Als Kind, und später als Jugendlicher, hätte ich mir meine Zukunft niemals im Bereich der Musik vorgestellt. Doch wie das Leben manchmal spielt, weiß man nie, was einem als Nächstes begegnet.
Vielen Dank Herr Professor Dallabona, für dieses aufschlussreiche und bereichernde Gespräch!