CD: «Return of the Dream Canteen» – Red Hot Chili Peppers
Es ist die bereits zweite Albumveröffentlichung in diesem Jahr. Die Red Hot Chili Peppers drücken trotz ihres Alters ordentlich aufs Gas. Mit «Return of the Dream Canteen», das seit Mitte Oktober 2022 erhältlich ist, demonstrieren sie eindrucksvoll, dass sie nach wie vor für die Musik leben. Eugen Zentner hat sich das Album angehört.
*
„Da sich die Zeit in ein elastisches Band aus übergroßen Unterhosen verwandelt hat, hatten wir keinen Grund, mit dem Schreiben und Rocken aufzuhören, gemacht mit dem Blut unserer Herzen“.
Red Hot Chilli Peppers
Das merkt man den insgesamt 17 Songs an. Entstanden sind sie alle in ein- und derselben Session, deren pulsierende Energie in dem Album konserviert ist. Die Chili Peppers, wie sie gerne verkürzt genannt werden, fühlen sich seit jeher dem Crossover verpflichtet. Der Funk bildet aber ein prägendes Element ihrer Musik, was «Return of the Dream Canteen» ein weiteres Mal beweist. Bassist Flea zeigt dabei sein ganzes Können; er slapt und dengelt, als gäbe es kein Morgen. Der Beat harmoniert hervorragend mit dem wuchtigen Trommeln des Kollegen Chad Smith, weshalb der Sound immer noch zwischen Vitalität und Aggressivität changiert. Karamellisiert wird er von den klaren Licks des Gitarristen John Frusciante, der nach zehnjähriger Pause zurück in der Band ist. Allerdings steht er in «Return of the Dream Canteen» nicht so sehr im Fokus, auch wenn er in dem Track «Eddie» seinen Furor dynamisch zur Geltung bringen darf.
Hommage an Eddie Van Halen
Gewidmet ist der Song dem vor zwei Jahren verstorbenen niederländisch-US-amerikanischen Gitarristen Eddie Van Halen, der zu den einflussreichsten Musikern seines Fachs gehört. „Sailing the Sunset Strip, I'm a bit of a king”, singt Anthony Kiedis mit seiner charakteristischen nasal-gedehnten, aber charismatischen Stimme. „Granny would take a trip, I've been bending the strings / Got hammers in both my hands, such a delicate touch / They say I'm from Amsterdam, does that make me Dutch?” In der Mitte des Songs dreht Frusciante mit einem großartigen Gitarrensolo auf, bevor Kiedis wieder den Refrain anstimmt: „Please don't remember me for what I did last night, oh / Please don't remember me, Lord and children / Please don't remember me, it's only 1980 / It's only 1983.”
1983 war auch das Jahr, in dem sich die Red Hot Chili Peppers in Los Angeles gegründet haben. Seitdem begeistert die Band die Musikfans in aller Welt mit einer Mischung aus Rock, Funk, Punk und Rap. Anfangs spielte sie noch überwiegend in Clubs, füllte sie aber gleich zu Beginn, sodass auch der kommerzielle Erfolg nicht lange auf sich warten ließ. Ein Jahr später erschien bereits das erste Studioalbum unter dem wenig kreativen Titel «The Red Hot Chili Peppers». Zwölf weitere sollten folgen, wobei das aktuelle «Return of the Dream Canteen» trotz seiner musikalischen wie textlichen Wucht nicht an die Qualität von «Californication» anknüpfen kann. Das 1999 veröffentlichte Album mit dem gleichnamigen Song markiert den Höhepunkt der Crossover-Truppe, die damals wohl zu den besten Bands der Welt gehörte. Der Durchbruch gelang ihr bereits zehn Jahre zuvor, als die Red Hot Chili Peppers mit der Platte «Mother’s Milk» in den USA Goldstatus erreichten. Sie entstand in der gleichen Besetzung, in der die Band auch das aktuelle Album aufgenommen hat. Davor gab es immer wieder personelle Wechsel an Gitarre und Schlagzeug, wobei es auch danach nicht unbedingt stetiger wurde.
1992 verließ John Frusciante noch während einer Tour zum Album «Blood Sugar Sex Magik» überraschend die Band und leitete in gewisser Weise eine Krise ein, aus der sie sich erst 1998 wieder befreien konnte, als der Gitarrist wieder einstieg. Es folgten eine zweijährige Welttournee und unter anderem die Alben «By the Way» und «Arcadium», bis sich die Red Hot Chili Peppers eine Pause gönnten und Frusciante die Band wieder einmal verließ. In der Zeit davor frönten sie dem Rock’n’Rol-Lifesstyle mit Sex, Drogen und exzentrischen Auftritten, bei denen Anthony Kiedis bisweilen mit nur einer über den Penis gezogenen Socke auf die Bühne trat.
Diese Zeiten sind vorbei, doch auf dem neuen Album tut der Frontsänger so, als wäre er das virile Tier von früher: „Well, I’m an animal / Something like a cannibal / I’m very flammable / And partially programmable“, rappt Kiedis in dem Song «Tippa My Tongue», bevor er die Veränderung zugibt: „Centuries of overuse / Now I wear it nice and loose.“ Im Refrain tut sich das neue Selbstbewusstsein ein weiteres Mal hervor und wirkt, als würden die Chili Peppers eine Renaissance erleben: „We've only just begun / Funky monks are on the run
Gonna get you with the tip of my tongue / And when you walk away / I know what the kiss would say / Ah-ah-ah, ah-ah-ah, ah-ah-ah, ah / Gonna get you now.” «Tippa My Tongue» ist der erste Song, die als Single ausgekoppelt wurde. In dem dazugehörigen Video schluckt Kiedis zu Beginn eine Pille, die wie das Band-Logo aussieht. Kurz darauf fliegen die Zuschauer mit ihr in das Innere der Red Hot Chili Peppers.
"And now we're walkin' Melrose down to Vine"'
Was bewegt die Musiker-Truppe? Was spielt sich in ihrem Inneren ab? «Return of the Dream Canteen» gibt darauf eine Antwort. Die Band brennt noch immer für ihre Heimatstadt, wie in dem Track «Bella» zum Vorschein kommt: “She wants to live in LA / Come put your ash in my tray / Once upon a funky crime / We were standing in the line / And now we're walkin' Melrose down to Vine / Well, I was askin' her to live on my farm / And she was tellin' me "No, not today" / I was tellin' her to do no harm / And she was tellin' me she could not stay / She'd rather live in LA / Down in Marina del Rey.” Kiedis erweist sich in dem Song als meisterhafter Storyteller, der erst im weiteren Verlauf lüftet, um wen es geht – den Hund Bella. Tier- und Heimatstadtliebe vermischen sich auf poetische-erzählerische Weise, die den Zauber dieses Tracks ausmacht.
Der Song «Carry Me Home» hingegen gibt zu verstehen, dass sich die Band auch mit Umweltproblemen auseinandersetzt: „Celluloid soldiers, come in from the rain / Murder my smile, but please, leave me my pain / All those good people, they don't even try / Stealing the truth while they pay for your lie”, singt Kiedis und akzentuiert in gleichem Atemzug, wie sich die Geister an diesem Thema scheiden. „You've got your way and it seems I've got mine”, gibt er sich tolerant, bevor er die Apocalypse beschwört: „Both gonna die at the very same time.” Präsentiert sich «Carry Me Home» als ein Blues-Stück, geht es in «Bag of Grins», «Copperbelly» und «Fake as Fu@k» rockig zu. Letzterer, das macht der Titel überaus deutlich, verdammt die vielen Falschnachrichten: „Listening to the great beyond / Where misdirection waves its magic wand“, beginnt der Song. „Everybody sing that song / Tuesday morning comes along, I read the news, it's all gone wrong / The facts of life have left too soon, the serving up doom and gloom / Never gonna leave my room / Black Capricorn will blow the horn / For all the love that can't be born today / Everybody walk away.”
Das jüngste Album ist gerade einmal sechs Monate nach «Unlimited Love» erschienen, einem musikalischen Werk, das mit seinen ebenfalls 17 Songs ein wenig Jazz-Vibe verbreitete und träumerische Passagen enthielt. «Return of the Dream Canteen» kommt ein wenig spritziger daher, teilweise mit einem 80er-Sound wie in «The Drummer» und groovigen Bass-Einlagen, wie Flea mit einem Solo am Schluss von «Roulette» eindrucksvoll demonstriert. Die Red Hot Chili Peppers wirken so frisch wie eh und je und strotzen nur so vor Kraft, was sich allein daran erkennen lässt, dass sie die beiden Alben inmitten einer globalen Stadiontournee veröffentlichten. Der musikalischen Qualität hat das nicht geschadet.

Red Hot Chili Peppers-WHITE-BG
Link zur Webseite von Red Hot Chilli Peppers
https://redhotchilipeppers.de/
Link zur Webseite bei Warner
Instagram
YouTube, Tippa my Tongue