Musikstreaming - was bleibt für die Musiker?
Die eigene Lieblingsmusik bequem per Stream hören - wer kann dem schon widerstehen...? Doch wie viel bringen Online-Plattformen dem/ der Musiker:in tatsächlich?
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Nutzt du auch einen Musik-Streaming-Anbieter?
Die meisten von uns haben Spotify, AppleMusic, Amazon Music oder sonstige Apps auf Ihrem Smartphone installiert. Falls du selbst Musik machst, hast du dich bestimmt schon öfter gefragt, ob ein Musiker durch Streams Geld verdienen kann. Auf Spotify gibt es eine Auswahl von rund 60 Millionen verfügbaren Songs. Wie soll man dabei selbst noch etwas verdienen können?
Du fühlst dich wie ein Tropfen im Meer: Können wirklich allein die großen Fische überleben?
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Füttert Spotify nur die großen Fische?
Bei Spotify und Soundcloud fließen bloß 0,33 Cent pro Stream an die Künstlerin, den Künstler. Deinen Titel müssten Hörer:innen eine Millionen mal streamen, damit sich ein Umsatz von 3.000 € ergibt. Und selbst dann gelangt nicht der volle Betrag in deine Tasche. Nimmst du an der Soundloud Monetarisierung teil, erhältst du einen 55-prozentigen Umsatzanteil. Bei anderen Streamingdiensten bekommst du etwas mehr pro Stream. Bei Amazon Music sind es 0,4 US cent, bei Apple Music sind es 0,78 US cent und bei Deezer 0,6 US cent. Am meisten pro Stream bekommst du bei Tidal mit 1,2 US cent.
Tidal wurde vom Rap Superstar Jay-z ins Leben gerufen, um den Künstler:innen eine fairere Bezahlung zu ermöglichen. Jedoch ist der Marktanteil von Tidal in Deutschland so gering, dass er in den Statistiken unter die Kategorie 10 % Andere der Musikdienste fällt. Bei Betrachtung des Musikstreaming Marktanteils sind Spotify mit 34 %, Apple Music mit 21 % und Amazon Music mit 15 % die Platzhirsche, welche den Markt dominieren. Selbst YouTube Music kommt nur auf 5 %.
Bei Spotify fließen pro Stream die Einnahmen in drei Richtungen:
- 55 % gehen an das Label
- 15 % bekommen die Verlage und deren Verwertungsgesellschaften
- ein Drittel behält sich Spotify ein
Allerdings möchte Spotify seine Preise erhöhen.
Doch selbst dann ist das Bezahlungssystem für Musiker:innen noch immer ungerecht, insbesondere für Newcomer. Die Ursache hierfür ist das Pro-Rata-Modell. Dabei kommen die Einnahmen der monatlichen Nutzerabos in einen großen Topf und werden an die Künstler:innen ausgeschüttet mit den meisten Streams.
Wirklich viel Geld verdienen demnach Stars wie Ed Sheeran, dem aktuell 100 Millionen Menschen auf Spotify folgen, Ariana Grande oder Billie Ellish. Das heißt auch, egal welche Musik du auf Spotify hörst: Alle Einnahmen kommen in einen großen Topf und werden je nach Häufigkeit der Streams ausgeschüttet. Wenn du also öfter einen weniger bekannten Musiker mit 2000 Followern hörst, unterstützt du damit indirekt Größen wie Drake oder Ed Sheeran.
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YouTube als alternative Einnahmequelle?
Kritisch zu sehen ist außerdem die Plattform YouTube. Im Unterschied zu Spotify kann auf Youtube jeder Musik hören, ohne mit einem Account registriert zu sein. Die Plattform hat allerdings keine Lizenzvereinbarung mit Labels, wie es bei Spotify der Fall ist. Vielmehr bezieht YouTube den Lizenzinhaber der Musik freiwillig in Werbeerlöse mit ein. Immerhin klickten die Nutzer:innen im Jahr 2019, 51 % aller Musikstreams über Youtube an. Doch nur 7 % flossen in die Musikindustrie. Was die Lizenzierung anbelangt, fließt seit 2016 das Geld von YouTube an die GEMA. Um welchen Betrag es sich handelt, ist unklar.
Kann man mit YouTube-Klicks Geld verdienen?
Wie den meisten bekannt ist, sind die vorgeschalteten Werbevideos die Haupteinnahmequelle für YouTuber. Indessen behält 45 % des Geldes Google ein, 55 % bekommt der Videomacher. Umgerechnet erhält ein YouTuber pro 1.000 Klicks einen Euro, was wiederum 0,1 Cent pro Klick macht. Demnach vergütet YouTube noch schlechter als die Streamingplattformen.
Musikstreaming sollte ursprünglich die Piraterie durch illegale Downloads Anfang der 2000er eindämmen. Ist eine fairere Bezahlung durch Streams der nächste Schritt?
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Kann Fair Share das Streaming gerechter machen?
Eine große Zahl an Musiker:innen setzt sich bereits durch die Initiative Fair Share für eine faire Verteilung der Einnahmen durch Streams ein. Fair Share beklagt zudem weitere Ungerechtigkeiten hinsichtlich des Streamings. Dadurch, dass ein Song schon nach 30-sekündigen Hören als ein Klick gezählt wird, können Klickraten leicht manipuliert werden. Fake-Abos, gehackte Accounts und Klickmaschinen, die irgendwo im Ausland sitzen, verfälschen die Klickraten ebenfalls. Die kurze Spieldauer, teilweise mit wenig bis ohne Intro, lässt Genres wie Jazzmusik im Vergleich zu Songs aus dem Rock- und Popbereich untergehen. Zusätzlich beklagt Fair Share auch die Intransparenz von Streaming Plattformen.
Aufgrund dessen schlägt Fair Share das User Centric Streaming Modell vor.
In diesem Fall würde der Streaming Anbieter genau die Summe an den Künstler, die Künstlerin ausschütten, deren Abonnent:innen die jeweiligen Stücke gehört haben.
Fans können somit ihre Musiker:innen besser unterstützen, alles wäre transparenter und eine Verfälschung der Klickraten wird aus diesem Grund vermieden. Auch die Vielfältigkeit in den Musikangeboten kann so wiederhergestellt werden, wenn sich Künstler:innen nicht mehr in das Schema F der Liedlänge einreihen müssen. Auf diese Weise wird außerdem Musiker:innen geholfen, die im Vergleich zu den Stars weniger Streams haben, dafür eine gewisse Fanbase, bzw. Abonnent:innen.
Deezer beginnt, dieses System einzuführen, Soundcloud hat im April damit losgelegt.
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Video von Deezer über das User Centric Pay System
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Musik-Streaming-Anbieter bieten Newcomer geringe Einstiegshürden
Solltest du als Newcomer:in demnach komplett auf Musik-Streaming-Anbieter verzichten und einen anderen Weg finden, um mit deiner Musik Geld zu verdienen? Immerhin haben Artists wie Neil Young und Joni Mitchell ihre Alben Ende Januar dieses Jahres von Spotify entfernen lassen. Das neue Album von Kanye West erschien auf keiner einzigen Streaming Plattform und Snoop Dogg löschte vor allen Dingen die Alben mit Dr. Dre.
Vollständig verzichten musst du nicht...
Denn ein großer Vorteil der Online-Dienste sind die geringen Einstiegshürden. So kann jede Person über die sozialen Medien ihren Bekanntheitsgrad erhöhen und ihre Musik leicht verfügbar machen. Ebenso können die Zuhörer:innen ganz einfach auf die Musik zugreifen und das ohne großen technischen Aufwand. Am hilfreichsten ist es, als Musiker:in das große Ganze zu betrachten und Musik-Streaming-Dienste nur als ein Werkzeug zu verstehen, das ein ganz bestimmtes Ziel verfolgt, z.B. Bekanntheit.
Hast du das Ziel, direkt Umsatz zu generieren, eignet es sich eher, Konzerte zu geben oder Merchandise zu verkaufen.
Es gibt auch Fans, die es schätzen, eine Vinyl oder CD von dir in den Händen zu halten. Jedoch geht dort das meiste Geld an den Händler, GEMA, Label, Vertrieb oder fließt in die Künstlersozialkasse. Vom Verkauf einer CD bleiben daher nur Cent- oder geringe Eurobeträge übrig. Selbst wenn du den Verkauf in Eigenregie führen würdest.
Wenn du oder deine Band über Social Media eine gewisse Reichweite aufgebaut habt, könnt ihr beispielsweise eine Kooperation mit einem Unternehmen eingehen oder euch sponsern lassen. Dabei musst du nicht einmal eine Abonnentenzahl im sechsstelligen Bereich haben. Unternehmen kooperieren auch mit sogenannten Mikroinfluencern, deren Followerzahlen wenige Tausend betragen, vor allem wenn deine Musik ein bestimmtes Genre, Stil oder Lifestyle (bzw. Nische) abbildet. Die Unternehmen profitieren von der hohen Engagementrate zwischen Influencer und Followern.
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Ist der VIP-Mitgliederbereich die Rettung für Musikschaffende?
Es braucht ein neues Verständnis von Monetarisierung. Du willst deine Musik nicht nur monetarisieren, sondern eine Community mit treuen Fans aufbauen? Sehr gut! Genau das sollte das Ziel sein! Schließlich kaufen Menschen nicht nur die Musik, sondern auch ein Stück weit die Persönlichkeit der Künstlerin, des Künstlers. Social Media ermöglicht Künstler:innen eine enge soziale Bindung zu ihrer Zielgruppe und dadurch “wahre Fans” zu gewinnen.
Musik ist ein Medium, das eine sehr enge Bindung zu seinen Konsument:innen entwickeln kann.
Wenn es dir gelingt, eine tiefe Verbindung zu einer Gruppe von Menschen aufzubauen, werden sie dich feiern und sind bereit, 5 bis 10 € im Monat für dich zu bezahlen.
Eröffnest du also einen VIP-Mitgliederbereich (beispielsweise auf Facebook) könnten die Mitglieder pro Monat 5 € bezahlen oder einen Jahresbetrag. Somit hätten die Mitglieder Zugang zu professionell produzierten Songs, Musikvideos, Livestreams, Ermäßigungen auf Konzertkarten oder einem hochpreisigen Konzert bei einem Fan zu Hause etc. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.
Du kannst auch Akustiksessions von deinen Songs auf YouTube und Spotify kostenlos veröffentlichen mit dem Ziel Bekanntheit. Im VIP-Mitgliederbereich kannst du die Tonstudioaufnahmen hochladen, hier mit dem Ziel Umsatz. Der Vorteil ist, du kannst das als unabhängiger Künstler aufbauen, ohne die Anteile deines Umsatzes an ein Label abtreten zu müssen.
Im Video findest du eine beispielhafte Vorführung einer VIP-Membership:
Definitiv hat Musik eine wichtige gesellschaftliche Bedeutung, sie hilft und verbindet Menschen und sollte daher fairer vergütet werden.