Solidarität und Entrüstung: So reagieren Musiker auf den Ukraine-Krieg
Die Invasion russischer Truppen in die Ukraine am 24. Februar 2022 hat die Welt entsetzt. Ein Krieg mitten in Europa. Die Stimmen, die vor einem neuen kalten Krieg oder sogar einem heißen Krieg warnen, wurden laut.
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Die USA, EU und andere Staaten verurteilten den Angriff scharf und leiteten Sanktionen gegen Russland ein. Wie in den vergangenen Monaten berichtet, wird die Ukraine von der NATO militärisch unterstützt. Der Westen verhält sich gegenüber der Ukraine solidarisch, ebenso sind auch einige russische Bürger mit dem Krieg nicht einverstanden. Die Meinungen der Kriegsgegner in Russland werden allerdings durch Desinformationspolitik und Gewalt unterdrückt.
Wie reagiert die Musikwelt darauf? Wie stehen Musiker:innen aus Russland und dem Westen zur Ukraine? Wie gehen Musiker:innen aus der Ukraine mit dieser Situation um? Genau diese Fragen beantwortet der folgende Artikel.
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Wie solidarisch ist die russische Opernsängerin Anna Netrebko wirklich?
Auf den ersten Blick klingt es positiv:
Die russische Opernsängerin Anna Netrebko tritt am 10. September für Gery Keszlers Initiative „Austria For Life“ im Schloss Schönbrunn auf. Damit will sie ihre Solidarität mit den Opfern der Pandemie, der Inflation und dem Krieg in der Ukraine bekunden. Denn der Erlös der Veranstaltung kommt Bedürftigen zugute. Außerdem wird Netrebko auf deutsch singen und zwar aus Beethovens Kantate “Der glorreiche Augenblick”.
Doch wirft dieser Auftritt auch seinen Schatten.
Netrebko wird vorgeworfen, eine Anhängerin Putins zu sein. Sie distanziert sich zwar vom Krieg und der Gewalt in der Ukraine, jedoch nicht von Putin. Daher wurden ihre Auftritte von mehreren Opernhäusern gestrichen, so wie die Bühnenshow bei den Osterfestspielen in Baden-Baden oder der New Yorker Metropolitan Opera. Zwar gab sie in der Öffentlichkeit an, sie sei unpolitisch, dennoch beteiligte sie sich an hoch politischen Aktionen. Beispielsweise rief sie im Jahr 2012 öffentlich zur Wahl Putins auf. Oder ließ sich im Jahr 2014 bei der russischen Besetzung der Krim mit dem prorussischen Separatistenführer Oleh Zarjow fotografieren.
Davon distanzierte sie sich bisher nicht.
In einem Statement vom März 2022 machte Netrebko nochmals deutlich, dass sie weder Mitglied einer russischen Partei, noch mit irgendeinem Führer Russlands verbunden sei. Zudem habe sie noch nie finanzielle Unterstützung von der russischen Regierung erhalten.
Ihre Aussagen würden falsch interpretiert werden.
Sie führt ihre Konzertauftritte, zumindest in Europa, seit Mai diesen Jahres wieder fort. Die Mehrheit der Kommentierenden zu Artikeln über Netrebko sind noch immer kritisch. Verständlich, wenn die Opernsängerin behauptet, sie sei unpolitisch, dennoch politisch handelt.
Trotzdem sollte man ihr durch den Charity-Auftritt im September die Chance geben, von nun an politisch konstruktiv, das heißt für einen guten Zweck zu handeln. Taten sprechen bekanntlich lauter als Worte.
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Künstler:innen aus anderen Ländern zeigen Solidarität mit der Ukraine
Ein weiterer Musiker setzt ein Zeichen für Solidarität mit den Ukrainern, indem er direkt vor Ort anpackt.
Der Partyschlager-Sänger und Musikproduzent Ikke Hüftgold sagte sein Konzert in Südtirol ab, um mit Bussen und weiteren Fahrzeugen zur polnisch-ukrainischen Grenze zu gelangen. Mittlerweile hat der Musiker mit 17 Bussen 750 ukrainische Flüchtlinge ins Nassauer Land gebracht.
Eine Neuauflage einer musikalischen Botschaft stammt vom Sänger Sting.
Er hat seinen Song “Russians” als Gitarre / Cello Version auf YouTube wieder veröffentlicht. Sting hatte den Titel im Jahr 1985 geschrieben als Reaktion auf den damaligen kalten Krieg, da eine atomare Eskalation zwischen dem Osten und Westen drohte. Im Video äußert er, er hätte nicht geglaubt, dass das Lied nochmals relevant werden würde. Er spielt das Lied für die tapferen Ukrainer:innen sowie den russischen Bürgern, die in ihrem Land Widerstand gegen den Krieg leisten.
Die Botschaft seines Liedes ist eindringlich:
“We share the same biology, regardless of ideology
But what might save us, me and you
Is if the Russians love their children too”
(Sting, Russians)
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Nach der Invasion Russlands in die Ukraine zeigte sich der deutsche Musikrat ebenfalls entsetzt.
Laut des deutschen Musikrats bedeutet die Invasion “einen schwerwiegenden Angriff auf die Grundprinzipien der Demokratie und Freiheit in Europa, eine Katastrophe für die Zivilbevölkerung der Ukraine und auch einen Schlag gegen das traditionsreiche und vielfältige Kulturleben in der Ukraine”. Daher hat die Organisation eine Reihe von Solidaritäts- und Hilfsmaßnahmen aus dem Kulturbereich entwickelt, wie auch Spendenaktionen. Beispiele sind die “Kontaktstelle zur Hilfe geflüchteter Künstler:innen und ihrer Familien” in Baden-Württemberg oder “Musizieren für den Frieden” vom Landesmusikrat Berlin.
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Musiker:innen aus der Ukraine fliehen nach Deutschland
Ein Krieg wird niemals die Musik zerstören!
Das könnte man meinen, wenn man sich Oleksandr Lysiuk, den Cellisten und Manager des Orchesters der Oper Odessa anschaut. Er ist bereits am ersten Tag des Krieges mit seiner Familie nach Marktoberdorf geflohen. Gemeinsam mit dem Dirigenten Wilhelm Keitel hat er 66 Musiker:innen von der Ukraine nach Deutschland gebracht.
Das zusammengestellte Orchester probt nun für eine Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Bis zum Orchester liegt eine gefährliche Reise hinter den Geflüchteten, teilweise mit Luftangriffen auf mehrere Bahnhöfe. Laut Lysiuk ist die Musik wie eine Rettung für den Geist, da sie es ermöglicht, in eine andere Welt abzutauchen. Andererseits sind die Musiker:innen während der Proben besorgt und erkundigen sich bei ihren Familienmitgliedern, wie es ihnen geht.
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Ukrainische Musiker:innen leisten Widerstand im Krieg
Wie das ukrainische Militär, so leisten auch die Musiker:innen Widerstand gegenüber russischen Truppen. Kriegshymnen sind auf dem Vormarsch.
So motiviert der Rocksänger Arsen Mirsojans in seinem Song “Mein Land” seine Landsleute, in der Ukraine zu bleiben und zu kämpfen. Er selbst kämpft an vorderster Front mit und veröffentlicht mit seinem Handy Aufnahmen von Toten oder auch improvisierten Konzerten.
Ebenfalls bekannt ist das Lied ДИКЕ ПОЛЕ von Yarmak und Alisa, das mittlerweile 3,9 Millionen Aufrufe auf YouTube zählt. In diesem Lied wird ungeschminkt der Kampfwille der Ukrainer betont:
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“Die Teufel sterben, die Sonne geht auf,
Dieses Land gebärt Krieger!
Lass den Tod die Tapferen umgehen!
Brich los, wildes Feld!
Der Feind kommt unaufhörlich,
Urgroßväter werden sich aus der Erde erheben!
Und du wirst in eine andere Welt gezogen, Feind,
durch unser wildes Feld!”
Chorus Chor, Übersetzt mit DeepL
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Beim Intro des Liedes wird das ukrainische Militär direkt angefeuert.
Eine ähnliche “Hymne für den Sieg” betrachtet Frontmann Oleh Psiuk des Kalush Orchestra das Lied Stefania, welches beim Eurovision Song Contest dieses Jahr mit Abstand die meisten Punkte geholt hat. Ursprünglich hat der Sänger das Lied für seine Mutter geschrieben. Jedoch bekommt das Lied in Hinblick auf den Ukraine-Krieg eine neue Bedeutung. Besonders einleuchtend wird dies durch das Musikvideo zu Stefania. Es zeigt starke Frauen in Militäruniformen, die ihre Kinder durch Kriegsruinen tragen.
Im ukrainischen Radio ist niemand mehr in Stimmung für Liebeslieder oder Sommerhits.
Der Kiewer Radiosender NRJ spielt “Stimmung für den Sieg” statt “Nichts als Hits”. Trauerlieder und Balladen, die das Leid und den Schmerz des Krieges zum Vorschein bringen, sind auch auf den Playlisten. Doch es gibt auch Musik, die Hoffnung macht.